Über die Gedichtform "Quadronett"


Spricht man im Bereich der Lyrik über die Vergangenheit, so teilt man gewisse Zeiträume, die ästhetisch oder inhaltlich auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind, in literarische Epochen ein. Doch dieses System scheint gebrochen zu sein. Spätestens seitdem die Dichter aufgehört haben, den zweiten Weltkrieg als gemeinsames Thema zu verarbeiten, hat sich die deutsche Lyrikszene in etwas nicht mehr greifbares gewandelt. Der Eine hält weiterhin an Sonetten fest, der Andere schreibt Gedichte im vers libre, ein Dritter schreibt von japanischer Lyrik inspiriert und ein Vierter schreibt dadaistische Texte, die ebenso kryptisch anmuten wie die binären Zahlencodes der allgegenwärtigen digitalen Welt um uns herum. Wäre die Lyrik ein Garten, so gab es früher stets einen gewissen Leidensdruck, der die Dichter animierte, den Garten zu kultivieren, und vermeintliches Unkraut auszurupfen. Heute wächst in diesem Garten einfach nur, was eben aktuell wachsen mag, ohne dass sich jemand verpflichtet fühlt, Einheit zu schaffen. Deshalb habe ich mir Gedanken gemacht, wie Lyrik beschaffen sein sollte, damit sie die Worte modern und zeitgemäß verdient.



Im Folgenden möchte ich das Quadronett vorstellen. Ursprünglich wollte ich es Quartett oder Strophenquartett nennen, doch dann könnte man darüber in Verwirrung geraten, dass auch Strophen, aus vier Versen bestehend, Quartett genannt werden. Bevor ich auf das Quadronett selbst zu sprechen komme, muss ich allerdings ausholen.


Im Alter von 16 Jahren fing ich an, mich mit Lyrik zu beschäftigen, und aufgrund von Liebeskummer solche zu verfassen. Heute zähle ich 27 Lebensjahre, womit ich nun seit elf Jahren aktiv Gedichte schreibe. Einem alten Sprichwort zufolge, sei man nach zehn Jahren ein Meister in einer Tätigkeit. Entsprechend möchte ich als "Lyrik Meister" nun meine Erfahrung weiterreichen. Dabei qualifiziere ich mich dadurch, dass ich mich in den letzten elf Jahren meiner Ausbildung mit der Lyrik und ihren Erscheinungsformen im Laufe der Jahrhunderte in Europa auseinandersetzte, teils durch das Bildungswesen und teils durch autodidaktisches Studium sprachwissenschaftliches Wissen erwarb, und zuletzt nie vor Kritik anderer Dichter zurückschreckte. Darum glaube ich im Wesentlichen in lyrischen Belangen beurteilen zu können, was von poetischem Wert ist und was nicht.


Durch regelmäßige Befragung meiner Mitmenschen erfuhr ich, dass man im Allgemeinen Gedichten, welche nach dem Vorbild der Weimarer Klassik mit strengen Vorgaben verfasst wurden, mehr Begeisterung zukommen lässt, als einem in seiner Vers- und Strophengestaltung manchmal anarchistischen Gedicht nach dem Vorbild von Brecht aus der Zeit des zweiten Weltkriegs. So kam ich eine zeitlang zu dem Schluss, ein Sonett sei die höchste Form, zu der Lyrik emporwachsen kann, da Sonette eine strenge, klar erkennbare Form besitzen. Dennoch wurde ich als moderner Mensch mit dem im Idealfall antithetisch konstruierten Sonett nie ganz warm, weil ich die Terzette mit ihrem alternativen, verschobenen Reimschema am Ende als recht disonant empfand. Der in den vorherigen Quartetten aufgebaute Sprachfluss wird in den nachfolgenden Terzetten durchbrochen. Diese Umstrukturierung des Strophenbaus in der Mitte eines Sonetts zwingt den Zuhörer oder Leser eines Sonetts, in der Art der Betonung umzudenken, was die Erfassung der Sinneinheiten im Gedicht ganz subtil erschwert. Zudem störte mich, dass die Verse eines Sonetts in ihrer Hebigkeit nicht absolut klar definiert sind. Das gibt dem Dichter meiner Meinung nach zu viel Freiraum zur Beliebigkeit an die Hand, was die Beurteilung zur Qualität eines Sonetts erschwert. Zwar sieht man seit A. W. Schlegel (ca. 1800 n. Chr.) den Fünfheber als Idealform für die Verse eines Sonetts an, doch bin ich auch hiermit nicht zufrieden, weil Fünfheber schwer anmuten und den Text in die Länge ziehen, während ich mit Lyrik eher ein Gefühl von Leichtigkeit und Kürze verbinde.



Als Perfektionist und als Mensch, der den Ansporn besitzt, tatsächliche Meisterschaft in seinem Handwerk zu erlangen, besitze ich den Glauben, dass es in allem und so auch in der Lyrik ein klares richtig oder falsch geben muss. Ich suche nach einem Kriterium, das stark genug in seiner Aussagekraft ist, um beurteilen zu können, ob eine Strophe hätte besser gestaltet werden können oder nicht. Zur Findung eines solchen Kriteriums sah ich mich nicht nur im Bereich lyrischer Traditionen um, sondern dachte auch darüber nach, welche Funktionen Lyrik bedient. Lyrik ist im Gegensatz zur Prosa nicht ausschließlich zum Lesen gedacht, sondern auch zum Vorgetragen- und Gehörtwerden. Zwar gibt es auch Romanvorträge und Hörbücher, aber in der Regel wird ein Prosatext niemals musikalisch umgesetzt. Also kam ich zu dem Schluss, ein modernes Gedicht sei erst dann im Zustand der Meisterschaft angelangt, wenn es dazu taugt, als Songtext Verwendung zu finden.



Da aktuelle westeuropäische Musik meist auf einem durchgängigen, gleichbleibenden 4/4-Takt basiert, sind Terzette eines Sonetts nicht optimal, um sie flüssig und elegant in ein Lied einzubauen. Denn wenn ich ein Sonett als Lied verwirkliche, fülle ich erst eine bestimmte Anzahl an Takten mit den Versen der ersten beiden Quartette. An diese Anzahl von Takten gewöhne ich mich beim Hören, eine Sinneinheit wahrzunehmen. Nun möchte ich den Leser neben sprachwissenschaftlichen Konzepten nicht noch mit Musiktheorie verwirren. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass wir es als chaotisch und gekünstelt empfinden würden, in der zweiten Hälfte eines Liedes plötzlich Terzette gesungen vorzufinden, die notgedrungen einen leeren, ungesungenen Vers am Ende der Strophe erzeugen, wenn ich die Geschwindigkeit und die Melodie des Liedes beibehalten möchte, um weiterhin eine befriedigende Sinneinheit beim Hören zu erleben. So gelangte ich zum Schluss, dass Quartette einem Terzett vorzuziehen sind, da sie dem Hörer die Möglichkeit bieten, sich mit unseren Musikgewohnheiten zu identifizieren, da Strophen aus einem traditionellen Lied (wie z.B. "Ich hab' die Nacht geträumet") mit 4/4-Takt typischerweise ebenfalls vier Verse besitzen, und damit universell und vorallem intuitiv und spontan vertont werden können. Hierbei spreche ich mit meiner Erfahrung als ehemaliger Musiker. Denn Musizieren und Komponieren waren früher meine zusätzlichen Standbeine neben dem Dichten.



Damit sind wir bei der Grundform eines Quadronetts angelangt: Vier Strophen wie bei einem Sonett, die allerdings durchgängig aus jeweils vier Versen bestehen, welche vierhebig und weiterhin möglichst achtsilbig gestaltet sind, um sich intuitiv und spontan in einen 4/4-Takt einzufügen. Da Musik etwas fließendes ist, müssen die Verse ebenfalls fließend vorgetragen werden können, womit Quadronette streng alternierend zu gestalten sind, entweder rein im Trochäus- oder Jambus-Metrum verfasst. Die Vierhebigkeit der Verse ergibt sich aus den vier Anschlägen des 4/4-Takts. Vierheber bedienen dabei nicht nur ausgezeichnet die Funktion des musikalischen Vortrags, sondern sie besitzen auch mehr Leichtigkeit als die Fünfheber des Sonetts. Also haben wir durch ausschließliche Verwendung von Vierhebern gleich zwei Probleme gelöst, die beim Sonett noch vorhanden waren.



Das Sonett als Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist wie bereits erwähnt im Idealfall durch eine Antithese als rethorische Figur gekennzeichnet. Das Quadronett ist lediglich fakultativ antithetisch zu konstruieren. Vier Quartette bieten genügend Spielraum, um eine Antithese einzubauen, allerdings möchte ich dem Dichter keinen Riegel vorschieben, sondern ihm größtmögliche künstlerische Freiheit im Inhalt eines Gedichts überlassen. Dennoch empfinde ich Antithesen, die im Barock ihren Höhenpunkt erlebten, immer noch als zeitgemäß. Unsere pluralistische Gesellschaft bietet den Nährboden für Widersprüche und damit für gegensätzliche Betrachtungsweisen des Lebens, auch wenn zur Ablenkung von diesem Umstand "just do it" propagiert wird. Bürgerliche Wertvorstellungen prallen auf hedonistische Lebensphilosophien. Individualismus trifft auf Mainstream. Das Chaos war vielleicht in keinem Zeitalter der Menschheitsgeschichte größer, weil wir noch nie mehr Möglichkeit hatten, uns einen selbstbestimmten Platz in der Gesellschaft auszusuchen.



Weiterhin bleibt nur die Frage nach dem Reimschema eines Quadronetts. Der altbekannte Paarreim kann bei den recht kurzen, achtsilbigen Versen als humoristisch oder kitschig wahrgenommen werden. Sollte Humor absichtlich bezweckt sein, kann nachfolgende Regel gebrochen werden, doch andernfalls definiere ich ein gewöhnliches Quadronett über das Vorhandensein von Kreuzreimen, damit größtmögliche Zeitlosigkeit gegeben ist. Zwar kommt auch ein umarmender Reim in Frage, doch tritt dieses Reimschema im verbalen Vortrag nicht so deutlich und präsent ans Tageslicht wie ein Kreuzreimschema. Als Beweis hierfür führe ich an, dass Kreuzreime meiner Erfahrung nach leichter auswendig zu lernen sind als umarmende Reime, was für die Eingängigkeit (und "psychologische Schlagkraft") von Kreuzreimen spricht. Umarmende Reime möchte ich also nur bei Quadronetten, in denen sich das lyrische Ich auch tatsächlich irgendwie eingeschlossen oder andersweitig umarmt ansieht, zum Einsatz kommen lassen. Der Kreuzreim stellt dagegen die allgemeine Idealform im Aufbau eines Quadronetts da.



Neben dem Kreuzreim kommt für Quadronette allerdings noch der Haufenreim in Frage. Über 16 Verse hinweg auf ein und dasselbe Wort zu reimen, ist so energetisch, eindringlich und kämpferisch, dass das humoristische Element, welches im Paarreim noch gegeben ist, wieder von Pathos und Ernsthaftigkeit überlagert wird. Ein Haufenreim über alle vier Strophen hinweg gibt dem Quadonett etwas episches und erinnert leicht an Hip-Hop-Musik. Während ich bei Kreuzreimen dazu neige, nur reine oder homophone Reime gelten zu lassen, sind im Haufenreim auch unreine Reime vertretbar. Nur sollte bei unreinen Reimen darauf geachtet werden, dass vorzugsweise im zweiten und im vierten Vers einer Strophe der echte Reim Verwendung findet. Denn gerade diese beiden Verse entscheiden, ob sich eine Strophe an sich reimend anhört, da sie sowas wie die Höhepunkte und Spannungsentladungen im Vortrag darstellen. Dem wird jeder zustimmen, der Erfahrung im Vorsprechen oder Vorsingen hat. Erster und dritter Vers eines Quartetts dienen lediglich dem Spannungsaufbau der Strophe.



Melancholischer und einfacher zu schreiben wird ein Quadronett, wenn der Kreuzreim dahingehend modifiziert wird, dass sich nur noch der zweite und vierte Vers reimen, während im ersten und dritten Vers auf einen Reim verzichtet wird. Dieses Reimschema nennt man auch einen "halben Kreuzreim". Allerdings möchte ich das Schema "XaYa" im Weiteren als "melancholischen Kreuzreim" betiteln, denn ihm fehlt offensichtlich etwas. Da der melancholische Kreuzreim die angesprochene Eingängigkeit einer Strophe bewahrt, möchte ich ihn als vollwertiges Stilmittel ansehen.



Je nachdem ob Kreuzreim, Haufenreim oder melancholischer Kreuzreim zum Einsatz kommt, unterscheide ich Quadronette in gewöhnliche, epische oder melancholische Quadronette. Mischformen zwischen gewöhnlichen und melancholischen Quadronetten sind möglich, um einzelnen Strophen eine unterschiedliche Wertigkeit zukommen zu lassen. Auch aufgrund sprachlicher Hürden sind Inhalte vielleicht nur zu transportieren, wenn auf einen Reim im ersten und dritten Vers verzichtet wird. Also drücke ich auch ein wenig ein Auge zu, wenn ich sage, dass Mischformen möglich sind. Denn erst das strenge Beibehalten eines Reimschemas erweckt meiner Meinung nach den Anschein, eines eisernen Willens zum gelungenen Ausdruck.



Quadronette sind aufgrund ihrer Eingängigkeit schnell auswendig gelernt, ohne dass man dies beabsichtigt. Das sehe ich als Beweis dafür an, dass Quadronette von literarischem Interesse sind. Diese Qualität kann weiter ausgebaut werden, indem auf die Satzstellung eines Verses geachtet wird. So heben sich Verse als besonders flüssig und wohlklingend in der deutschen Sprache ab, bei denen das Objekt am Versende steht und Teil eines Enjambements ist:
 "Sie fordern dass ich unter Last

noch immer stets belastbar bin."

Abschließend soll darauf geachtet werden, dass Sätze mit dem Ende einer Strophe ebenfalls enden. "Schlangensätze", die sich über beispielsweise zwei Strophen erstrecken, schaden der Eingängigkeit von Quadronetten. Denn ein Absatz, der zwangsweise am Ende einer Strophe auftritt, deutet an, dass eine Sinneinheit ihren Abschluss gefunden hat. Wenn ich nun aber inhaltlich eine Fortsetzung der Sinneinheit vornehme, stellt das den optischen Sinn des Absatzes in Frage. 



Und für wahre Perfektionisten sei mit auf den Weg gegeben, dass Reime besonders schön klingen, wenn die sich reimenden Vokale identisch sind, die Konsonanten vor dem sich reimenden, betonten Vokal aber unterschiedlich. Denn "sinnt" auf "sind" äquivok zu reimen, klingt unschön, während "rinnt" auf "sind" angenehm klingt.



Wird auf all die ansprochenen Punkte geachtet, habe ich schnell etwas geschrieben, das literarisch wertvoll sein kann. Also fasse ich unter dem Strich für das Schreiben von Quadronetten zusammen:



  1. Vier Strophen pro Gedicht
  2. Vier Verse pro Strophe
  3. Vier Hebungen pro Vers
  4. Ausschließlich streng alternierende Verse
  5. Bevorzugt Kreuzreim, Haufenreim oder melancholischer Kreuzreim
  6. Unter Umständen Verwendung einer Antithese
  7. wohlklingende Satzstellung
  8. spätestens am Ende einer Strophe müssen begonnene Sätze enden



(Alexander Regenfelder, Mai 2018)